Handschriftensammlung Hartmann

Eine der größten tschagataischen Handschriftensammlungen Europas in der Staatsbibliothek Berlin

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Die türkische Handschriftensammlung ist mit 3400 Schriftstücken eine der umfangreichsten Handschriftensammlungen in der Orientabteilung der Staatsbibliothek Berlin. Sie setzt sich aus den Sammlungen verschiedener Orientalisten zusammen und umfasst nicht nur osmanische, sondern auch andere turksprachige Werke: Neben einer kleinen Sammlung kirgisischer und tartarischer Handschriften befinden sich 190 seltene tschagataische Titel im Besitz der Staatsbibliothek, darunter auch einige Sammelhandschriften.

131 von ihnen stammen aus der Sammlung des Islamwissenschaftlers Martin Hartmann, die damit zu den größten und wichtigsten tschagataischen Handschriftensammlungen in Europa gehört. Insgesamt 22 Handschriften aus der Sammlung Hartmann sind bis jetzt digitalisiert und können über die Datenbank Orient Digital erkundet werden. Zusätzlich zu Hartmanns eigenem Katalog finden sich ausführliche Beschreibungen von sechs der Handschriften in Manfred Götz‘ Band Türkische Handschriften. Verzeichnis der orientalischen Handschriften in Deutschland, Band 13,4.

Die Sammlung Hartmann genießt weltweit großes Interesse in wissenschaftlichen Kreisen. Fast alle Handschriften werden derzeit von einer Firma aus Urumqi gescannt, um sie zeitnah als Faksimilie im Volksverlag Xinjiang zu publizieren.

Sammlung Hartmann
181 islamische Handschriften, davon:
131 tschagataische Schriftstücke
50 arabische u. persische Schriftstücke

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in Orient Digital mit Katalog: Hartmann und Katalog: VOHD + Sprache: Chagatai

Kompendium
Martin Hartmann (1904), „Die Osttürkischen Handschriften der Sammlung Hartmann“, in: Mitteilungen des Seminars für Orientalische Sprachen an der Friedrich Wilhelms-Universität zu Berlin. 7. Jg./II. Abth., S. 1-21.

Die Sammlung

Vermerk der Erwerbsdaten

Während eines Aufenthalts in Ost- und West-Turkistan erwarb Martin Hartmann von 1902 bis 1904 insgesamt 133 tschagataische, 29 persische, 7 arabische und 2 chinesische Handschriften. 1905 verkaufte er 183 islamische Handschriften an die Staatsbibliothek Berlin. Darunter befanden sich die komplette Sammlung der 133 tschagataischen Schriften, 37 persische, 8 arabische und  5 chinesische Handschriften.

Bereits 1904 hatte Hartmann ein Kompendium mit dem Titel Die Osttürkischen Handschriften der Sammlung Hartmann veröffentlicht. Es enthielt kurze und prägnante Beschreibungen für alle tschagataischen Schriften in seiner Sammlung. Nach seinen eigenen Angaben stammen insgesamt „82 Handschriften aus Kašgar, 41 aus Jarkend, 7 aus Taškent, zwei aus Choqand und eine aus Baku.“

Über diese Sammlung schreibt Hartmann: „Die Zahl von 133 Stücken in Mittelasien zusammenzubringen, war mir nur dadurch möglich, dass ich die Erwerbung solcher Denkmäler als eine meiner Hauptaufgaben betrachtete, und dass ich sowohl in Kashgar wie in Jarkend die Männer ausfindig machte, welche besonders geeignet waren, Handschriften aufzuspüren und herbeizuschleppen.“

Er bemerkt weiterhin: „Um den guten Willen dieser Leute zu erhalten und sie noch rühriger zu machen, durfte das, was sie brachten, nicht zu kritisch angesehen werden. Es musste Minderwertiges in den Kauf genommen werden, um das Gute zu bekommen.“ Zu dem „Minderwertigen“ gehörte zum Beispiel ein Schreibübungsheft (Ms. or. oct. 1729).

Zwei tschagataische Handschriften, die im Kompendium beschrieben werden, sind wohl während des Zweiten Weltkriegs verloren gegangen. Bei einigen Handschriften herrscht eine gewisse Unsicherheit hinsichtlich des Erwerbungsdatums. In der Regel hat Hartmann aber gleich nach dem Ankauf Ort und Zeit auf der ersten Verso-Seite der Handschriften mit Füller eingetragen.

Martin Hartmann

Der erste moderne Islamwissenschaftler

Martin Hartmann (Wikimedia Commons)

Martin Hartmann (Quelle: Wikimedia Commons)

Martin Hartmann (1851-1918) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Arabisten und Islamwissenschaftler. Sein wichtigster Lehrer war Heinrich Lebrecht Fleischer, der Begründer der modernen Arabistik in Deutschland. Hartmann selbst gehörte zu den ersten modernen Islamwissenschaftlern in Deutschland vor dem ersten Weltkrieg.

Hartmann hatte schon sehr früh sein Interesse für den Orient entdeckt. Gleich nach seiner Promotion trat er 1875 in den diplomatischen Dienst ein, den er an verschiedenen Orten ausübte: In Adrianopel, in Konstantinopel und von 1876 bis 1887 in Beirut. Von 1887 bis zu seinem Tod 1918 unterrichtete er Arabisch am Seminar für orientalische Sprachen in Berlin. Unterbrochen wurde seine Lehrtätigkeit durch eine Forschungsreise, die Hartmann von 1902 bis 1904 über Kashgar, Yarkand und Tashkent bis nach Baku führte.

Deutschland als Zentrum für Zentralasienkunde

Anfang des 20. Jahrhunderts galt Deutschland als das wichtigste Zentrum für Zentralasienkunde. Einen Grundstock hierfür legten die vier deutschen Turfanexpeditionen (1902-1914). Sie führten weit jenseits der Grenzen des Osmanischen Reiches in jene damals „Ostturkistan“ genannten Gebiete, die heute als Autonome Region Xinjiang zur Volksrepublik China gehören.

Die Relikte, die zum Teil buchstäblich aus dem Wüstensand gegraben wurden, boten das faszinierende Bild einer versunkenen buddhistischen Kultur, die offenbar – vor ihrer Konvertierung zum Islam – vor allem von den Uighuren getragen worden war. Die Vielzahl der deutschen, schwedischen, englischen, französischen und japanischen Expeditionen belegt, dass damals eine regelrechte Goldgräberstimmung aufkam.

Parallel zu und unabhängig von der ersten deutschen Turfanexpedition sammelte Hartmann 1902 tschagataische und persische Handschriften in Kashgar und Umgebung. Einige Handschriften schickte er zur Anfertigung einer Abschrift an bekannte Kopisten, von denen sie nie zurückkamen. Sehr aufschlussreich ist in diesem Kontext die Briefkorrespondenz Hartmanns, die sich in der Bibliothek der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft in Halle befindet. Hartmanns Erkenntnisse hatten einen enormen Einfluss auf die damalige Zentralasienforschung, wie schon eine kleine Auswahl seiner Publikationen zeigt.

Materialität

Handschriftensammlung Hartmann

Einband Ms. or. fol. 3294

In der Sammlung befinden sich insgesamt 16 Werke in Folio-, 80 in Oktav- und 35 in Quart-Format. Die meisten Abschriften sind zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert entstanden. Die verwendeten Sprachformen reichen hingegen von der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bis ins 19. Jahrhundert.

Während Handschriften aus anderen Sammlungen wie z. B. der Divan Hüseyin Bayqara (Hs. or. 10434) oder das Külliyat (Ms. or. fol. 4054) Pracht-Anfertigungen für den Sultan oder die reiche Oberschicht darstellen, handelt es sich bei den Hartmannschen Handschriften um schlichte Abschriften für die normale Bevölkerung. Sie haben keine Schmuckelemente und enthalten nur selten Miniaturen.

Bei den Bucheinbänden besteht eine große Vielfalt. Es gibt Werke mit glattem oder geprägtem Ledereinband, mit blindgepressten Medaillons oder Anhängern. Andere verfügen über Pappdeckel, die mit Buntpapier beklebt, lackiert oder mit Kattun überzogen wurden. In der Regel sind die Einbände im Original erhalten. Nur wenige Handschriften wurden wegen ihres schlechten Erhaltungszustands neu gebunden und mit einem Aufdruck des Preußischen Adlers versehen.

Ebenso verschieden ist das Papier, das für die Handschriften verwendet wurde. Manche Werke wurden auf dem vor Ort hergestellten Hotan-Papier (Khotan-Papier) geschrieben, andere auf europäischem Papier.

Themen

In Hartmanns Sammlung befinden sich Werke der klassischen und der hagiographischen Literatur, aber auch religiöse, geschichtliche und medizinische Schriften. Eine besonders interessante Gruppe stellen die zahlreichen Risāle-Schriften dar. Manche Werke sind Sammelhandschriften (zum Beispiel Ms. or. oct. 1722). In ihnen sind verschiedene thematische Gebiete vereint.

Ms. or. oct. 1707

Risāles

Acht verschiedene Risāles befinden sich in der Hartmannschen Sammlung. Sie listen die Verhaltensregeln für einzelne soziale Gruppen auf und sind in Zentralasien weit verbreitet. Hartmann misst den Risāles einen hohen Wert zu, weil sie einen guten Einblick in das gesellschaftliche Gefüge der Muslime in Kashgar gewähren. In seiner Sammlung gibt es zum Beispiel die Risāle der Schuster (Ms. or. oct. 1654, 1672), die Risāle der Haarschneider (Ms. or. oct. 1652), die Risāle der Färber (Ms. or. oct. 1703), die Risāle der Hirten (Ms. or. oct. 1658), die Risāle der Bauern (Ms. or. oct. 1707, 1700), die Risāle der Krämer (Ms. or. oct. 1659), die Risāle der Gewürzkrämer (Ms. or. oct. 1674) oder die Risāle der Sattler (Ms. or. oct. 1701).

Ms. or. fol. 3291

Klassische Literatur

Hartmanns Sammlung enthält beispielsweise das Ḫamsa (Ms. or. fol. 3291), das Mehbūb ul-Qulūb (Ms. or. oct. 1664, 1687) und das Lisān ut-tayr (Ms. or. oct. 1715). Weiterhin gibt es ausgewählte Gezels und andere Werke von Nava’i (Ms. or. oct. 1695, Ms. or. quart 1286, Ms. or. oct. 1683), Jahanname von Mirza Muhemmet Heyder Koregan (Ms. or. oct. 1704) und Divan-i Emir Ömerhan (Ms. or. quart. 1314). Die Abschriften von Nava’is Werken in Hartmanns Sammlung stammen überwiegend aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

Ms. or. oct. 1680

Geschichte

Hartmann hatte eine besondere Vorliebe für geschichtliche Themen. Dies zeigt sich schon allein anhand der Menge der Handschriften aus diesem Bereich, wie z. B.  das Teḏkire-i Sulṭān Sutūq Būġrāḫān (Ms. or. quart. 1303), das Majmu’at al-muhaqqiqin (Ms. or. oct. 1680, 1719) oder das Tārīḫ-i Ğedīde’i Ğerīde (Ms. or. oct. 1670). Ebenso erwähnenswert ist die fast vollständige Familienchronik der ChoğaDynastie (Ms. or. oct. 1655, 1685, Ms. or. quart. 1316).

Ms. or. oct. 1692

Hagiographische Literatur

Zur hagiographischen Literatur gehören Handschriften wie das Teḏkire-i Süt Paša (Ms. or. oct. 1696) oder die Geschichte vom Šah San’an (Ms. or. oct. 1695), aber auch das Teḏkire-i tört Imam (Ms. or. oct. 1696). Zu den religiösen Schriften zählen beispielsweise Ms. or. oct. 1698 und Ms. or. oct. 1702.